Gymnastizierung des Pferdes im Gelände- Mut zur Freiheit

 

Häufig werde ich von Schülern gefragt, ob der Unterricht trotzdem möglich ist obwohl nur eine Wiese oder ein Mini- Reitplatz zur Verfügung steht. Immer wieder werden vereinbarte Termine abgesagt weil der Reitplatz unter Wasser steht. Immer wieder höre ich: „Ich konnte diese Woche nicht an unseren Hausaufgaben üben, denn wir waren nur Ausreiten/ Spazieren.“ Die allerwenigstens meiner Reitschüler haben tatsächlich einen ganzjährig nutzbaren Reitplatz oder eine Halle zur Verfügung, die meisten müssen mit den zur Verfügung stehenden Gegebenheiten zurecht kommen. Gerne würde ich all denen etwas Mut machen, die sich dadurch in ihren Möglichkeiten eingeschränkt fühlen. Gerne würde ich aufzeigen, wie viele Chancen sich eröffnen, wenn die künstliche Begrenzung einer gezäunten Reitbahn weg fällt.

 

Zugegebenermaßen ist dies ein Thema mit dem ich mich eher aus der eigenen Not heraus beschäftigen musste. Seit nunmehr einem halben Jahr arbeite ich mit meinen Pferden ohne Reitbahn. So schwarz wie ich diesen Umstand am Anfang gesehen habe, so bereichern war diese Zeit für uns. Für mich völlig überraschend muss ich feststellen, dass die Beweglichkeit und Rittigkeit der Pferde in absolut keinster Weise gelitten hat. Ganz im Gegenteil, insbesondere mit dem jungen Samson konnte ich in dieser Zeit große Fortschritte für Geist und Körper erzielen.

 

Warum ist es überhaupt so, dass man meint, im Gelände ist alles anders? Jedes Pferd braucht korrektes Reiten, völlig unabhängig davon WO ich mich mit dem Pferd bewege. Jedes Pferd braucht Gymnastik um den Reiter lange beschwerdefrei tragen zu können. Jedes Pferd sollte sich auch im Gelände zwischen den Hilfen des Reiter gerade richten lassen, balanciert und locker über den Rücken vorwärts treten können. Je nach Gebäude des Pferdes oder Gewicht des Reiters kann es auch wichtig sein, ein Mindestmaß einer gesunden Traghaltung einfordern zu können. Weiterhin gibt es Pferde mit Handicaps, die erheblich von einer wertvollen Gymnastik- auch im Gelände- profitieren können.


Jedem Reiter bereitet es große Freude ein durchlässiges Pferd, welches gut sitzen lässt zwischen feinen Hilfen reiten zu können, auch (und ganz besonders) im Gelände. Auch wenn das Pferd gelernt hat unter den Schwerpunkt des Reiters zu treten ist dies im Gelände ein unbezahlbarer Luxus. Natürlich ist es nützlich diese Dinge zuvor in der Reitbahn zu erarbeiten, aber eben auch nicht zwingend.

Was geht denn im Gelände eigentlich NICHT? Dies ist aus meiner Sicht in erster Linie die Tatsache, dass man keine Zirkel arbeiten kann. Das heißt die so wichtige Arbeit an der Biegung ist fast nur über die Arbeit in Seitengängen möglich. Weiterhin muss man sich mit Übungen und Gangart nach den bestehenden Gegebenheiten richten. Dies ist natürlich davon abhängig, welches Gelände man vor der Haustür hat. Straßen, Feld- oder Waldwege, nicht genutzte Wiesen oder sonstige Flächen, Berge oder auch nicht. Schwierig für manche Reiter kann es sein, die Sicherheit einer festen Umzäunung nicht mehr zu haben. Dies kann aber unter Umständen auch ein großer Vorteil sein, weil die Pferde oft sehr viel freier und williger gehen. Wer draußen nicht reiten mag, der hat aber immernoch die Möglichkeit sein Pferd vom Boden zu arbeiten. So viele nützliche Übungen lassen sich auf einem Spaziergang ganz spielerisch einbauen! Egal ob Boden- oder Handarbeit, es geht ALLES, was nicht auf einem Zirkel passieren muss.
Auch die positiven Auswirkungen, welche das des Zusammenseins in der Natur auf den Geist des Pferdes (und oft auch den eigenen) hat sind riesig!

 

Hier ein paar Gedanken und Ideen für die Gymnastizierung im Gelände:

 

Bergauf
fördert Vorwärts Abwärts. Alle Pferde tun sich hier viel leichter sich fallen zu lassen und zu Losgelassenheit an den Hilfen zu finden. Für fortgeschrittenere Reiter und Pferde kann bergauf interessant sein, um das abwärts lösen in der Versammlung besser behalten zu können.

 

Bergab
fördert Versammlung. Wenn das Pferd bergab nicht eilig werden darf muss es sein Gewicht auf die Hinterbeine bringen. Für fortgeschrittenere Reiter und Pferde kann bergab interessant sein, um etwas Versammlung beim abwärts lösen besser behalten zu können.

 

Schwingen und Fühlen
ist etwas, was sich durch den oft natürlich vorhandenen Vorwärtsdrang des Pferdes bei einem Geländeritt ganz wunderbar schulen lässt. Schwingt die eigene Hüfte frei mit der Hüfte des Pferdes? Fließt die Energie der Hinterbeine gerade nach vorn durch den Körper? Werden die Schultern gleichmäßig belastet? Wann greift welches Hinterbein vor? Wann ist welches Vorderbein in der Luft? Schwingt die Hüfte links wie rechts gleich gut nach unten? Schwingt der Rücken mehr nach oben, oder nach unten? Sitze ich selbst losgelassen, oder fühle ich irgendwo Spannung in meinem eigenen Körper?

 

Übergänge
zwischen den Gangarten oder innerhalb der Gangarten. Auch hier kann bergauf genutzt werden wenn sich das Pferd im Übergang raus hebt oder bergab um es besser auf die Hinterhand zu setzen.

 

Balance der Schultern
Mal etwas mehr die linke, mal die rechte Schulter entlasten lassen.

Hinterbeine
Mal ganz spielerisch das linke, mal das rechte Hinterbein, mal als inneres, mal als äußeres Hinterbein zum Schwerpunkt führen.

 

Seitengänge
Ergeben sich aus vorgenanntem und sind in allen Varianten denkbar. Schulterherein, Kruppeherein, Renvers, Traversale von einer Seite des Weges zur anderen- und alle Übergänge dazwischen. Besonders von Vorteil ist hier die Möglichkeit, jederzeit nach einem gelungenen Versuch ins freie Vorwärts entlassen zu können. Etwas was so vielen Pferden bei der Arbeit in der Bahn fehlt oder was manchmal so mühsam aufrecht erhalten werden muss.

 

Handwechsel
In dem Sinne, das Pferd mal um den rechten, mal um den linken Schenkel (Sitzbein) zu biegen. Ggf. in Kombination mit Schlangenlinien, um Hindernisse wie bspw. Bäume oder frei auf einem Weg angelegt.

 

Arbeit im Stand und mit der Parade
Ist auch fast immer und überall möglich, auch auf allerkleinstem Raum. Besonders gerne nutze ich Mauern, Baumstümpfe oder Felsvorsprünge um hier aus einer erhöhten Position bequemer in der Handarbeit agieren zu können.

Wegränder, Bordsteinkanten und Hecken
Dienen der Orientierung und decken jeden Fehler in der Linienführung auf. Sie können auch als Richtschnur dienen, ob nun links oder rechts gebogen geritten wird.

 

Punkt zu Punkt
Könnte heißen von Baum zu Baum, von Schild zu Schild oder von Haus zu Haus lässt sich verlässlich überprüfen was die minimalste und maximalste Anzahl von Schritten ist, um diese Strecke zurück zu legen. Das heißt maximal vorwärts, oder maximal versammeln. Erstaunlich wie schnell die Pferde verstehen und welche Verbesserung man mit der Zeit beobachten (zählen) kann.

 

Schrittpirouetten
Können auf jedem breiteren Weg angelegt werde, wenn es der Ausbildungsstand von Pferd und Reiter zulässt.

 

Abbiegungen
Lassen sich ganz prima nutzen um eine Viertel Volte zu reiten oder zu führen.

 

Anhalten, Rückwärtsrichten, Antreten
Und das ganze bei steigendem Ausbildungsstand in schneller Abfolge hintereinander, je nach Ziel bergab oder auch bergauf.

Ihr seht, die Möglichkeit sind zahlreich, langweilig muss es ganz bestimmt nie werden. Also, raus mit euch in die Natur, eure Pferde und ihr werdet davon profitieren!

Ein Kaltblut in der Dressur?

 

Manchmal, wenn ich aufsteige, denke ich ganz ernsthaft: „Wie kommen wir um die nächste Kurve?“. Samson ist einfach so ultra schwerfällig und langsam in seinen Reaktionen, dass er tatsächlich nicht einfach prompt wenden kann. Wenn man ihn gehen lässt wie es in seiner Natur liegt, muss man alle Wege gut planen.
Und wenige Minuten später, nachdem ich ihm erklärt habe welchen Fuß er wie setzen muss um meinen Weisungen folgen zu können, wird er so leichtfüßig, elastisch leicht federnd an meiner Hand, mit einer Kraft und Energie für unsere gemeinsame Harmonie, die mich demütig werden lässt.
Es ist wirklich nicht einfach, einem solchen Pferd beizubringen ein guter Tanzpartner zu sein. Aber wenn sich Balance entwickelt und fast eine Tonne Pferd anfängt zwischen den Hilfen zu schweben, ist das ein unglaubliches Gefühl welches alle Mühen vergessen macht.
Jedes Pferd ist zu fördern. In den meisten Fällen weit über gedachte (gefühlte) Grenzen hinaus.